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Nachwuchsjuristen gewinnen: Leitfaden für Kanzleien

Wer Nachwuchsjuristen gewinnen möchte, konkurriert nicht nur mit anderen Kanzleien, sondern mit allen Berufswegen, die ein juristisches Examen eröffnet. Für Arbeitgeber in Rechtsberatung, Notariat, Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung lohnt es sich deshalb, die Ausbildungsstationen juristischer Berufseinsteiger genau zu kennen: Wann sind Studierende überhaupt ansprechbar? Welche Pflichtstationen bringen Referendarinnen und Referendare in Ihre Kanzlei? Und was ändert sich rechtlich mit dem Zweiten Staatsexamen und der Zulassung?

Dieser Leitfaden ordnet die belegten Grundlagen der Juristenausbildung in Deutschland und leitet daraus konkrete, als Vorschlag gekennzeichnete Entscheidungshilfen für Ihre Personalarbeit ab – von Gesprächsfragen über Formulierungsbeispiele bis zu einer Checkliste für die eigene Nachwuchsstrategie.

Inhaltsverzeichnis

Der Markt: rund 166.000 Zugelassene und ein vielfältiges Tätigkeitsfeld

Die Ausgangslage lässt sich beziffern: In Deutschland sind laut Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) zum Stand 01.01.2025 rund 166.000 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zugelassen. Die BRAK beschreibt den Beruf als offenbar beliebt und das Tätigkeitsfeld als vielfältig, weil Rechtsanwälte in allen Lebensbereichen zu tun haben und auf vielen verschiedenen Gebieten gefragt sind.

Für Arbeitgeber heißt das zweierlei. Erstens: Der Berufsstand ist groß, die Zahl allein sagt jedoch nichts darüber aus, wie viele Personen in einem bestimmten Rechtsgebiet, an einem bestimmten Standort oder für eine bestimmte Rolle verfügbar sind. Zweitens: Weil das Tätigkeitsfeld so breit ist, entscheidet die inhaltliche Positionierung Ihrer Stelle oft stärker als allgemeine Arbeitgeberwerbung. Ein Vorschlag für die Praxis: Beschreiben Sie in Ihrer Ausschreibung nicht „abwechslungsreiche juristische Tätigkeit“, sondern die Rechtsgebiete, Mandatstypen und Verfahrensarten, mit denen Berufseinsteiger bei Ihnen tatsächlich arbeiten würden.

Wer parallel erfahrene Kräfte sucht, findet weiterführende Überlegungen im Beitrag Anwälte rekrutieren: Leitfaden für Kanzleien und Arbeitgeber; für die steuerliche Seite der Kanzleiwelt ist der Leitfaden zur Gewinnung von Steuerberatern ein sinnvoller Anschluss.

Studium verstehen: 10 Semester und über 300 Schwerpunktbereiche

Wer Nachwuchsjuristen gewinnen will, sollte wissen, wie lange der Weg bis zum Berufseinstieg ist und wo er inhaltliche Abzweigungen hat. Nach Darstellung der BRAK dauert das Jurastudium in der Regel 10 Semester, also 5 Jahre. Es beginnt mit einem Grundstudium von 4 Semestern, in dem die Basiskenntnisse im Bürgerlichen Recht, im Öffentlichen Recht und im Strafrecht vermittelt werden; das Grundstudium schließt mit einer schriftlichen Zwischenprüfung ab.

Darauf folgt das Hauptstudium mit 6 Semestern. Dort werden die Fächer aus dem Grundstudium vertieft, weitere Rechtsgebiete wie das Prozessrecht kommen hinzu, und es müssen Seminare für Schlüsselqualifikationen oder Sprachen besucht werden. Zudem findet eine Spezialisierung im Schwerpunktstudium statt. Bundesweit gibt es nach Angaben der BRAK mehr als 300 Schwerpunktbereiche, darunter beispielsweise Anwaltliche Rechtsberatung und Anwaltsrecht, Internationales oder Europäisches Recht, Kriminalwissenschaften, Medienrecht, Umweltrecht, Wirtschaft und Wettbewerbsrecht.

Was Arbeitgeber daraus ableiten können

Diese Struktur ist für die Ansprache hilfreich, weil sie Anknüpfungspunkte liefert. Als Vorschlag: Nutzen Sie den Schwerpunktbereich als Gesprächseinstieg statt als Ausschlusskriterium. Ein Schwerpunkt im Medienrecht bedeutet nicht, dass jemand kein Interesse an gesellschaftsrechtlichen Mandaten hat – er zeigt aber, mit welchen Themen sich die Person freiwillig länger beschäftigt hat.

Mögliche Fragen für ein Erstgespräch mit Studierenden oder Examenskandidaten:

  • Welchen Schwerpunktbereich haben Sie gewählt – und was hat Sie an dieser Wahl rückblickend überrascht?
  • Welche Seminare für Schlüsselqualifikationen oder Sprachen haben Sie belegt, und welche davon würden Sie in der Mandatsarbeit einsetzen wollen?
  • Welches Rechtsgebiet aus dem Hauptstudium – etwa das Prozessrecht – möchten Sie praktisch vertiefen?
  • Was möchten Sie im ersten Jahr nach dem Examen gelernt haben?

Weil Grund- und Hauptstudium klar getrennt sind, lässt sich auch der Zeitpunkt der Ansprache planen. Studierende im Grundstudium sind inhaltlich noch breit unterwegs; nach der Zwischenprüfung und im Schwerpunktstudium werden Interessen konkreter. Ein praktikabler Ansatz ist, beide Phasen unterschiedlich zu bespielen: frühe Kontakte eher über Einblicke in die Kanzleipraxis, spätere Kontakte über fachliche Mitarbeit.

Referendariat als wichtigster Kontaktpunkt

Nach dem Bestehen der Ersten juristischen Prüfung ist der juristische Vorbereitungsdienst zu absolvieren, auch Referendariat genannt. Dabei werden laut BRAK innerhalb von zwei Jahren sogenannte Stationen oder Stagen durchlaufen, um die verschiedenen juristischen Berufe in praktischer Anwendung kennenzulernen. In der Regel sind Referendare drei Monate bei einem Zivilgericht (Amts- oder Landgericht), drei Monate bei der Staatsanwaltschaft oder im Strafgericht, drei Monate in einem Verwaltungsgericht oder einer Behörde und neun Monate bei einem Rechtsanwalt tätig.

Diese Verteilung ist für Arbeitgeber der zentrale strukturelle Befund: Die Anwaltsstation ist mit neun Monaten die längste Pflichtstation. Damit entsteht ein Zeitfenster, in dem Berufseinsteiger ohnehin in einer Kanzlei arbeiten – und in dem beide Seiten einander über Monate kennenlernen können, nicht nur über ein Bewerbungsgespräch.

Überlegungen zur Station in Ihrer Kanzlei

Als Vorschlag für die Gestaltung: Planen Sie eine Anwaltsstation inhaltlich wie eine Projektphase, nicht als Zuarbeit nach Tagesbedarf. Denkbare Bausteine sind eine feste Ansprechperson, ein bis zwei durchlaufende Mandate über mehrere Monate und ein Abschlussgespräch, in dem offen über eine mögliche Zusammenarbeit nach dem Zweiten Staatsexamen gesprochen wird.

Hilfreiche Leitfragen für Ihre interne Abstimmung:

  • Welche Mandate können wir einer Referendarin oder einem Referendar über mehrere Monate zuordnen, ohne Vertraulichkeitsanforderungen zu verletzen?
  • Wer in unserem Team hat Zeit und Interesse, Ausbildung tatsächlich zu übernehmen?
  • Wie dokumentieren wir, was die Person bei uns gelernt und bearbeitet hat?
  • Sprechen wir spätestens im letzten Stationsmonat aktiv über einen Einstieg – oder warten wir auf eine Bewerbung?

Weil die übrigen Stationen bei Gerichten, Staatsanwaltschaft und Behörden liegen, bringen Referendare auch Erfahrungen mit, die Kanzleien nicht selbst erzeugen können – etwa die Innenperspektive gerichtlicher Abläufe. Ein Gesprächsvorschlag: Fragen Sie konkret, was in der Zivil- oder Verwaltungsstation anders aussah als erwartet. Antworten darauf zeigen Beobachtungsfähigkeit und Interesse an Verfahren.

Unterhaltsbeihilfe und Zweites Staatsexamen

Finanziell ist die Referendarzeit klar umrissen: Vom Staat wird eine sogenannte Unterhaltsbeihilfe gezahlt, die nach Angaben der BRAK monatlich je nach Bundesland ca. 1.200,00 bis 1.600,00 EUR brutto beträgt. Diese Angaben sind ausdrücklich Näherungswerte und unterscheiden sich zwischen den Bundesländern.

Für Arbeitgeber ist das ein nüchterner, aber wichtiger Kontext: Wer Nachwuchsjuristen gewinnen will, trifft in der Referendarphase auf Menschen mit staatlicher Grundabsicherung, die zugleich auf ein Examen zuarbeiten. Daraus ergeben sich Fragen, die Sie intern klären können, bevor Sie werben – etwa, ob Sie eine Stationsvergütung anbieten, wie Sie mit Urlaub für die Examensvorbereitung umgehen und ob Arbeitszeiten während der Vorbereitungsphase flexibel gestaltet werden können. Diese Punkte sind Gestaltungsentscheidungen Ihrer Kanzlei, keine allgemeine Vorgabe.

Entscheidend für die berufliche Zäsur ist das Examen: Mit dem erfolgreichen Abschluss des Zweiten Staatsexamens – und nur dann – darf man sich als Volljurist bezeichnen und einen der staatlich reglementierten juristischen Berufe ergreifen, nämlich Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt oder Beamter im höheren Verwaltungsdienst.

Genau hier liegt der Wettbewerb um Nachwuchs: Ihre Kanzlei konkurriert am Ende des Referendariats mit Justiz, Staatsanwaltschaft und höherem Verwaltungsdienst. Als Vorschlag für die Positionierung: Benennen Sie, was eine Tätigkeit bei Ihnen konkret anders macht – etwa Mandatsverantwortung, Spezialisierung, Teamgröße, Ausbildungsformate oder Arbeitsmodelle – statt allgemeine Attribute zu behaupten.

Zulassung, Kanzleipflicht und Anstellungsformen

Wer Rechtsanwalt werden möchte, muss sich zur Rechtsanwaltschaft zulassen. Die Zulassung ist bei der Rechtsanwaltskammer zu beantragen, in deren Bezirk man sich als Rechtsanwalt niederlassen möchte; jeder Rechtsanwalt ist damit Mitglied einer Rechtsanwaltskammer. Neben dem Antrag auf Zulassung ist bei der Kammer eine Bestätigung über den Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung einzureichen. Wer Rechtsanwalt ist, muss im Kammerbezirk eine Kanzlei einrichten und unterhalten – die sogenannte Kanzleipflicht. Zugleich besteht die Möglichkeit, als angestellter Rechtsanwalt bei einem anwaltlichen Arbeitgeber oder als Syndikusrechtsanwalt bei einem Unternehmen zu arbeiten.

Was das für den Einstieg bedeutet

Für Ihre Personalplanung sind drei Punkte relevant. Erstens ist die Zulassung ein eigener Schritt nach dem Examen und an einen Kammerbezirk gebunden – der Standort Ihrer Kanzlei ist damit nicht nur eine Frage des Pendelwegs. Zweitens gehört der Nachweis der Berufshaftpflichtversicherung zum Zulassungsverfahren. Drittens ist die Anstellung bei einem anwaltlichen Arbeitgeber ausdrücklich eine vorgesehene Form der Berufsausübung – neben der Tätigkeit als Syndikusrechtsanwalt im Unternehmen.

Der letzte Punkt beschreibt den Wettbewerb präzise: Unternehmen sind keine Randerscheinung, sondern eine etablierte Alternative für Berufseinsteiger. Wer über Inhouse-Perspektiven mitreden möchte, findet Hintergründe im Beitrag Karriere als Inhouse-Jurist. Für größere wirtschaftsrechtliche Einheiten ist der Guide zum Wirtschaftsrecht in der Großkanzlei ein passender Anschluss, für regionale Perspektiven der Beitrag zu Wegen in die Kanzleipraxis in Frankfurt.

Mögliche Klärungsfragen vor einem Angebot an Berufseinsteiger:

  • In welchem Kammerbezirk soll die Person tätig werden, und passt das zu ihrer Lebensplanung?
  • Unterstützen wir organisatorisch bei den Formalien rund um den Zulassungsantrag – und wenn ja, wie konkret?
  • Bieten wir eine Anstellung als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt an, und welche Entwicklungsschritte benennen wir dafür schriftlich?
  • Wie erklären wir im Gespräch den Unterschied zwischen einer Tätigkeit bei uns und einer Syndikustätigkeit in einem Unternehmen?

Nachwuchsjuristen gewinnen: Vorschläge für die Praxis

Die belegten Ausbildungsstationen lassen sich in eine einfache Zeitachse für Ihre Ansprache übersetzen. Die folgende Übersicht ist eine redaktionelle Einordnung der oben genannten Fakten und keine Vorgabe:

PhaseBelegter RahmenMöglicher Ansatz für Arbeitgeber
Grundstudium4 Semester, Basiskenntnisse in Bürgerlichem, Öffentlichem und Strafrecht, Abschluss mit schriftlicher ZwischenprüfungErste Berührung mit Kanzleipraxis ermöglichen, Themen statt Titel kommunizieren
Hauptstudium6 Semester, Vertiefung, Prozessrecht, Schlüsselqualifikationen, Schwerpunktstudium (bundesweit mehr als 300 Schwerpunktbereiche)Fachliche Nähe zum Schwerpunkt sichtbar machen
ReferendariatZwei Jahre, davon neun Monate bei einem RechtsanwaltAnwaltsstation als längste Pflichtstation inhaltlich ausgestalten
Nach dem Zweiten StaatsexamenBezeichnung als Volljurist; Zugang zu Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt oder höherem VerwaltungsdienstAngebot gegen diese Alternativen klar positionieren
ZulassungAntrag bei der Rechtsanwaltskammer des Bezirks, Nachweis der Berufshaftpflichtversicherung, Kanzleipflicht; Anstellung oder Syndikustätigkeit möglichStandort- und Formalienfragen früh ansprechen

Für Stellentexte sind erkennbar allgemeine Branchenbeispiele hilfreich, um Rollen voneinander abzugrenzen – etwa „Referendariat (Anwaltsstation) im Gesellschaftsrecht“, „Wissenschaftliche Mitarbeit im Prozessrecht“ oder „Rechtsanwältin / Rechtsanwalt für den Berufseinstieg“. Solche Formulierungen dienen hier ausschließlich der Veranschaulichung.

Formulierungsbeispiele für Ihre Ausschreibung, die an belegte Inhalte anknüpfen:

  • „Neun Monate Anwaltsstation mit fester Ansprechperson und eigenen Mandatsaufgaben.“
  • „Sie vertiefen ein Rechtsgebiet, das zu Ihrem Schwerpunktbereich passt – sprechen Sie uns gern darauf an.“
  • „Nach dem Zweiten Staatsexamen begleiten wir Sie organisatorisch beim Einstieg in unsere Kanzlei.“
  • „Wir besetzen die Position als Anstellung bei einem anwaltlichen Arbeitgeber.“

Wenn Sie zusätzlich Fachkräfte im Kanzleibetrieb suchen, ergänzen die Beiträge zu Notarfachangestellten und zum Managementassistenten in der Kanzlei das Bild. Einen Überblick über veröffentlichte Positionen gibt die Rubrik Stellenangebote ansehen.

Checkliste und Formulierungsbeispiele

Die folgende Checkliste bündelt die oben entwickelten Vorschläge in abhakbarer Form:

  • Rechtsgebiete und Mandatstypen für Berufseinsteiger schriftlich benannt – statt allgemeiner Vielfaltsformeln?
  • Entschieden, ob Sie Studierende bereits im Grund- oder erst im Hauptstudium ansprechen?
  • Anwaltsstation inhaltlich geplant, inklusive Ansprechperson und Mandatszuordnung?
  • Interne Entscheidung zu Stationsvergütung, Urlaub und Arbeitszeit in der Examensvorbereitung getroffen?
  • Argumente formuliert, warum Ihre Kanzlei im Vergleich zu Justiz, Staatsanwaltschaft, Verwaltungsdienst oder Syndikustätigkeit passt?
  • Kammerbezirk Ihres Standorts im Gespräch thematisiert?
  • Abschlussgespräch am Stationsende als fester Termin eingeplant?
  • Ausschreibungstext auf konkrete, überprüfbare Aussagen reduziert?

Drei weitere Fragen, die sich im Auswahlgespräch bewährt anbieten lassen, ohne Fachwissen abzufragen: Welche Station im Referendariat hat Ihre Berufsvorstellung am stärksten verändert? Welche Art von Mandat würden Sie nach Ihrer Zulassung am liebsten selbst führen? Und was müsste in den ersten sechs Monaten passieren, damit Sie sagen, die Entscheidung für uns war richtig?

Häufige Fragen

Die Antworten beziehen sich auf die oben verlinkte Darstellung der BRAK sowie auf klar als Vorschlag gekennzeichnete Anwendungsideen.

Fazit

Nachwuchsjuristen gewinnen heißt vor allem: den Ausbildungsweg kennen und die eigenen Angebote daran ausrichten. Die Struktur ist belegt und gibt klare Ansatzpunkte – zehn Semester Studium mit Schwerpunktspezialisierung, zwei Jahre Referendariat mit neun Monaten beim Rechtsanwalt, die Zäsur des Zweiten Staatsexamens und schließlich die Zulassung über die Rechtsanwaltskammer mit Kanzleipflicht und der Option einer Anstellung oder Syndikustätigkeit. Wer diese Punkte in Ausschreibung, Station und Abschlussgespräch konkret aufgreift, redet über Inhalte statt über Floskeln.

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